Nachruf Prof. Günter Raue

DSC06609 Günter RaueGünter Raue ist tot! Er war der Gründungsvorsitzende des DJV-Landesverbandes Sachsen, wurde beim 1. Gewerkschaftstag im November 1990 erneut gewählt und erklärte im Januar 1991 seinen Rücktritt.

Günter Raue wurde am 24. Dezember 1938 in Leipzig geboren. Der beginnende Krieg raubte ihm wie seinen Altersgenossen die frühe Kindheit. Zugleich erlebte er in seiner Kindheit die entbehrungsreichen Jahre des ersten Wiederaufbaus. Es ist nachvollziehbar, dass Günter Raue nach diesen ersten Lebenserfahrungen nach einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit suchte.

Anders als mancher seiner späteren Kollegen in der Journalisten-Ausbildung war Günter Raue ein Vollblut-Journalist. Während seines Volontariats bei der „Leipziger Volkszeitung“ 1956/57 traf er dort auf einen einsetzenden Reformprozess, der die Zeitung näher an die tatsächlichen Bedürfnisse der Leser heranführen sollte. Noch heute sind Günter Raues damalige Beiträge in vergilbten Zeitungsbänden zu finden. Möglicherweise gibt es zum Beispiel noch heute Leser der LVZ, die sich an Kommissar Peters erinnern – eine fiktive Figur, die der Volontär Günter Raue eingeführt hatte.

Nach seinem Studium an der Fakultät für Journalistik blieb Günter Raue als wissenschaftlicher Assistent an der Karl-Marx-Universität. Er hatte sich schon in seiner Diplomarbeit mit einem historischen Thema, der zuerst in Leipzig hergestellten Bolschewiki-Zeitung „Iskra“ befasst. Ab 1961 arbeitete er dann an seiner Dissertation zur Geschichte der „Täglichen Rundschau“, die zugleich eine erste Darstellung zur Medienpolitik der sowjetischen Besatzungsmacht war. 1965 verteidigte er diese Dissertation erfolgreich.

Wenig später wechselte Günter Raue zum „Neuen Deutschland“ (ND). Da Günter Raue des Russischen bestens mächtig war, wurde er für ein Jahrzehnt als Moskauer Korrespondent des SED-Zentralorgans eingesetzt. Nach seiner Rückkehr kam er wieder mit der Wissenschaft in Berührung – diesmal als Wissenschaftsredakteur beim ND.

Da an der nunmehrigen Sektion Journalistik die Lehre und Forschung zur Journalismus- und Kommunikationsgeschichte kaum einen Schritt vorangekommen war, erinnerte man sich an den einstigen Assistenten. Schließlich erhielt Günter Raue 1977 einen Lehrauftrag für Journalismus- und Kommunikationsgeschichte.

Für die damaligen Studenten war Günter Raue ein interessanter Partner. Journalistisch-handwerklich hatte er den meisten seiner Kollegen viel voraus, was auch in Studentenkreisen bekannt war und ihm Anerkennung einbrachte. Zugleich war er weltoffen und auch bereit, über gesellschaftliche Probleme im eigenen Lande offen zu sprechen. Wie er das tat, kam bei den Studenten der 70er und frühen 80er Jahre gut an. Das Vertrauen, das diese Studenten in ihn setzten, hat er auch nie enttäuscht.

Als Vorgesetzter in einem Lehr- und Forschungsbereich, der später zu einem Lehrstuhl entwickelt wurde, bot er seinen Mitarbeitern Ausnahmebedingungen. Forschung konnte von diesen Mitarbeitern nach eigenen Vorstellungen entwickelt werden. Das schloss ein, dass auch die Wahl des Forschungsansatzes Sache der Mitarbeiter blieb, was ihnen die Chance gab, sich an international erfolgreichen Ansätzen zu orientieren.

Auch in der Zusammenarbeit mit den Studenten gab es keine Schranken. Nicht ohne Grund wurde die übergroße Mehrzahl der Förderverträge für Studenten mit Raues Lehrstuhl abgeschlossen. Das hatte dann auch zur Folge, dass insbesondere in der 80ern Jahr für Jahr gleich mehrere Forschungsstudenten sich einem historischen Thema widmen konnten. Entstanden ist gleich eine ganze Reihe von Überblicksarbeiten, deren wissenschaftlicher Wert auch heute nicht in Frage gestellt wird. Die letzte dieser Arbeiten ist übrigens erst vor etwa drei Jahren an einer westdeutschen Hochschule fast unverändert verteidigt worden. Wegen der beruflichen Belastung des Promovenden war diese bereits in gebundener Form vorliegende Dissertation in der Wendezeit nicht verteidigt worden.

Die eigenen Forschungen, nämlich jene zur DDR-Geschichte wie seine 1985 verteidigte Dissertation zur Promotion B, unterlagen da anderen Zwängen, die zu durchbrechen auch Günter Raue nicht im Stande war. „Die Geschichte der Fürstenhöfe sollte man erst schreiben, wenn diese ausgestorben sind“, lautete ein Satz, den er nicht nur einmal zitierte.

In der Wendezeit wurde Günter Raue, seit 1986 außerordentlicher und seit 1988 ordentlicher Professor sowie langjähriger stellvertretender Direktor für Erziehung und Ausbildung, erster freigewählter Direktor der Sektion Journalistik. Es zeigte sich aber, dass die Erwartungen der Studenten und Mitarbeiter in dieser Umbruchzeit wohl nicht zu erfüllen waren. Kein Wendehals zu sein und dennoch alles anders zu machen, gelang auch Günter Raue nicht. Zudem war nicht zu übersehen, dass der neuen Studentengenerationen anders noch als der vorangegangenen eine kritische Betrachtung der Verhältnisse nicht mehr genügte. Das war wohl ein Hauptgrund, dass Günter Raue das Direktorenamt wieder verlor.

Um eine Weiterbeschäftigung nach der Abwicklung der Sektion Journalistik hat sich Günter Raue nicht bemüht. Stattdessen hat er versucht, wieder im Journalismus Fuß zu fassen. Bitter dürfte dabei gewesen sein, dass einstige Kollegen, die seine praktische journalistische Arbeit, die er neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit geleistet hatte, einst gerühmt hatten, ihn auf einmal nicht mehr kennen wollten.

Der DJV Sachsen schuldet Günter Raue viel und wird seinen Einsatz beim Aufbau des Landesverbandes nie vergessen.

Dr. Jürgen Schlimper

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