Wieder ein Podium wider Lügenpresse

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Im abgedunkelten Saal 3 des Dresdner Kongresszentrumes wurde „die Lügenpresse“ befragt: Stefan Locke (FAZ), Ine Dippmann (MDR-Hörfunk), Prof. Wolfgang Donsbach (Kommunikationswissenschaftler) und Heinrich Maria Löbbers (Sächsische Zeitung) Foto: Bilal Mahmoud


Volksbeschuss bei Bürgerkonferenz

von Andreas Herrmann

Dresden. Die „Lügenpresse“ ist dank der Unwortwahl einer deutschen Jury in aller Munde. Und – unter heimlicher Schadenfreude der Politik – seit rund einem Jahr unter permanenten, im Winter stark angewachsenen Volksbeschuss, besonders seitens des gemeinen Ossi aus dem Hinterhalt politischer Desorientierung.
Grund ist der Umgang mit diversen Konflikten: Gaza, Krim, Friedensmahnwachen, Anti-Islamisierungsdemos europäischer Patrioten und nun auch noch TTIP und Griechenland – die Schere zwischen der veröffentlichten Meinung der Politiker in den „Systemmedien“ und „der Wahrheit“ der eigenen wie öffentlichen Meinung scheint auf die 180-Grad-Grenze zu zusteuern.
Zweimal lud der nun emeritierte Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft (IfK) an der TU Dresden, Prof. Wolfgang Donsbach, zum Thema Vertrauenskrise und Glaubwürdigkeitsverlust sächsische Journalisten aufs Podium, zwei Mal gab es völlig unterschiedliche Eindrücke.

Beim flugs zum Lügenpressepodium umfunktionierten Praxisforum im Dresdner Mundarttheater in einer Galerie im Zentrum war aus Sicht der Chefredakteure alles im Lot – keine Fehler, nur böse Leser und Zuschauer, die die Redakteure beleidigen und bedrohen.
Nun am Sonnabend im Rahmen der Dresdner Bürgerkonferenz, organisiert vom Verein „Dresden – Place to be“ und der „Initiative weltoffenes Dresden“ ein weit reflektierteres Bild: Ine Dippmann (DJV & MDR), Stefan Locke (FAZ) und Heinrich Maria Löbbers (SZ) stellten sich Donsbachs geschickten Fragen, waren aber natürlich nicht die gewünschten Adressaten der vereinzelten Wutbürger. Diese unter den 300 Zuhörern, fast alle männlich und über fünfzig, hatten ihre Kritik samt Beispielen diesmal sorgsam notiert und relativierten einige „Fehler oder Unwahrheiten“. So jene legendäre Online-Umfrage, als die MDR-Rentner eines nachmittags die Frage, ob nun das Image der Stadt Dresden Schaden nähme, mit 7 zu 93 Prozent verneinten. Nach 10 000 Nutzern sei die Umfrage einfach kommentarlos verschwunden, geiselte ein Besucher den Umgang des Senders mit seinen Sponsoren. Ine Dippmann, die als DJV-Vorsitzende Sachsens für LPK-Chefin Uta Deckow einsprang und auf die Charta zum Qualitätsjournalismus verwies, redete Klartext: Das war ein Fehler – sie wünschte, die Umfrage hätte es gar nicht erst gegeben. Sie verwies auf gegenseitige Kontrolle – und im Gegensatz zu ihrem Bundesvorsitzenden im Januar – auf die Arbeitsbedingungen und den Zeitdruck, unter denen heute produziert werden müsse.
Insgesamt kamen laut Veranstalterangaben 5 000 Leute zu den Podien, Vorträgen, Bürgersprechstunden, Theaterperformances und Kinovorführungen, wobei die Diskussionen zwar lebhaft bis kontrovers, aber von gegenseitigem Respekt geprägt seien.
Etwas anderes müssen die Besucher all der zahlreichen Podien schamlos schlucken: Die vermeintlichen neuen „Schmuddelkinder“ des sächsischen Landtages, die so genannte Alternative für Deutschland (AfD), hat sich seit ihrem Landtagseinzug dank der aus allgemeiner Pressesicht noch schmuddeligeren Protestanten, deren Zahl entgegen der Polizeiangaben wieder langsam anwächst, in Windeseile etabliert und sorgen für mehr Schlagzeilen als die Freien Demokraten vor fünf Jahren, als diese in der Regierung saßen.
Und so reden sie nun selbstbewusst mit. So wie Generalsekretär Uwe Wurlitzer, der im Anschluss an die Lügenpressedebatte sich an linker Zerlegung beim Thema Konservatismus erfreuen konnte. Fakt ist – und das wurde deutlich: Sachsen hat sich dank der Dresdner Lokal-P-Posse verändert. Wo es hingeht, da ist auch der meistgefragte Bewegungsexperte Werner J. Patzelt unsicher. Auf den häufigen Vorwurf, man dürfe doch nicht mit Populisten, Rechtsextremen oder gar Hooligans, die mit Möhren oder Eiern mit toten Küken auf Gegendemonstranten in Angsthasenkostümen werfen, mitmarschieren, analysiert der Politikprofessor: „Die Demonstranten wissen das und fühlen sich wie im Schraubstock. Aber deswegen lieber zu Hause zu bleiben, das verbietet ihnen ihr Trotz.“ Die Sache sei von allen Seiten an die Wand gefahren wurden, er wisse leider auch nicht, wie es sich jetzt weiter entwickelt.
So geriet auch das kühle Konzert am Abend vor rund zweitausend Besuchern auf dem Theaterplatz – welches als politischer Protest mit ohne jeden Service einher ging – zur Erfahrung: Auch die bunten und weltoffenen Dresdner sind offensichtlich nicht so recht in der Mehrheit.

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