Würzburg 2011 – Eindrücke und Gedanken (1)

An dieser Stelle bringen wir Eindrücke von Delegierten des DJV Sachsen, die beim Bundesverbandstag in Würzburg dabei waren…

Die 5.555 des Ostens künftig ohne „Gesandte“

Würzburg/Dresden – Zwar bin ich beim Verbandstag unserer Berufs-Gewerkschaft in Würzburg nur Ersatz-Delegierter mit Stimmrecht gewesen, habe aber schon einige derartige Beratungen erlebt. Dennoch bin ich mit meinem Enthusiasmus für den Deutschen Journalisten-Verband (DJV) – meine eigentliche zweite Heimat – irgendwie weit nach unten abgeglitten, als am zweiten Tag beim Punkt Wahlen ein Ergebnis bekannt gegeben wurde. Im Vorstand für die über 38.000 Journalistinnen und Journalisten vertritt künftig keine Vertreterin bzw. kein Vertreter aus den Ostländern mehr deren Belange, Ambitionen, streitet für deren Überlegungen, Impulse und Vorschläge, bestimmt niemand mehr mit, wie deren Aufgaben ebenfalls gemeinsam gelöst werden können.


Meinen Erinnerungen zufolge hatten wir nach unserer bejubelten DJV-Aufnahme vor rund zwei Jahrzehnten stets ein sach- und befindlichkeits-kundiges Mitglied im wichtigsten Gremium des Verbandes bei entscheidenden Gegebenheiten „vor Ort“.

Nunmehr stellten sich zur Wahl als Beisitzer gleich eine Handvoll Kolleginnen und Kollegen der Abstimmung im Plenum. Einige der Bewerber legten sich mächtig ins Zeug, boten ihre Meriten an und ließen nichts unversucht, sich so zu „vermarkten“, dass kaum oder nur schwer ein Weg an ihnen vorbei aufs „Treppchen“ führte. Auch auf die zaghafte Frage einer Kollegin aus dem Verbandstag, ob er denn überhaupt noch Zeit für die eventuelle neue verantwortungsvolle Aufgabe habe, blieb ein  Kandidat für ein anderes Amt eine glasklare Antwort nicht schuldig: „Es gibt Leute, die kaum schlafen.“

Da blieb die Vertreterin Thüringens chancenlos, zumal ihre Vorstellung zu „leise“ daherkam und sie ihre Möglichkeiten keineswegs ausschöpfte. Trotzdem war es dankenswert, dass sie sich dem Votum stellte. Vielleicht hätte hier die bekannte „friedliche Koalition“ der ostdeutschen Landesverbände abermals wesentlich mehr bewegen können. Irgendwie ist hier etwas „dumm gelaufen“. Schade.

Im Foyer des Congress-Centrums twitterten denn auch zwei Länder nachdrücklich: BJV hat zwei Kollegen im Vorstand, NRW hat zwei Kollegen im Vorstand… . Es kann durchaus sein, dass sich zunehmend eine einseitige Vielfalt durchsetzt, denn bisher gab es immer Ideen und Vorschläge für vorwärtstreibende und zukunfts-trächtige DJVerbandsarbeit. Auch wenn sich nicht dieses Angebot, jener Antrag oder manches Anraten durchsetzen konnte, werden künftig wohl etwaiige neue, kreative Gedanken und Inspirationen auf halbem Weg stecken bleiben. Schade. Eine Vertretung mit dem gesprochenen Wort und Widerwort vor Ort über die Vorstellungen der ostdeutschen Bundesländer gibt es jetzt an der Verbandsspitze nicht mehr und Papier – ist bekanntlich „geduldig“.

Nun wollen wir uns aber nach zwanzigjähriger Zugehörigkeit nach wie vor ein-bringen in unseren Verband, in unsere Gewerkschaft. Aber irgendwie ist mit dieser Wahl etwas gerissen. Immerhin zählen die östlichen Verbände zum Verbandstag laut dem Geschäftsbericht 5.555 Mitglieder. Auch deren gewählte Delegierten waren mittendrin, als der Verbandstag über den Wert des Journalismsus, die Qualität der journalistischen Beiträge und die gegenwärtig eklatante Abwertung unseres Berufes, unseres Berufsbildes mitunter recht lebhaft diskutierten.

„Die Medien sind die wichtige vierte Gewalt in Deutschland“, hob Bundesjustiz-ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger deren Rolle auf das Podest. Die Politik – also auch ihr Ministerium – müsse die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine freie Presse schaffen. „Der Staat darf nicht einmal den Eindruck erwecken, Journalisten von kritischer Recherche abhalten zu wollen“, sagte sie im Grußwort. Sie bezeichnete die Pressefreiheit als das „Tafelsilber der Demokratie.“ Investigativer Journalismus sei unentbehrlich. Junge Sachsen haben sich als mutige Kämpfer erwiesen und kriminelle Machenschaften (Sachsensumpf) aufgedeckt. Mehr ist zu erwarten. Und so ist wohl trotz aller rasanter technischer Entwicklung und unheimlicher Netzwerke-Verbreitung das „Jahrhundert des Journalismus“ noch lange nicht vorbei, wie Medienprofessor Siegfried Weischenberg kürzlich sogar behauptet hat. Dass dies so ist und weiter so sein wird garantiert nicht zuletzt unser DJV, der zweitgrößte Journalistenverband der Welt nach den 100.000 Kolleginnen und Kollegen in Russland.     

Trotz aller Ernsthaftigkeit der Beratungen des Verbandstages gaben Delegierte und Gäste mit Äußerungen manchmal Gelegenheit zum Schmunzeln.

„Ich bin die Alternative“ (Vorsitzender Brandenburg) – „Das ich hier stehe ist ein kleines Wunder“ (Vorsitzender Brandenburg) – „Ich bin hauptberuflich Königin“ (deutsche Weinkönigin aus Franken) – (nochmals die deutsche Weinkönigin aus Franken): „Wer nicht genießt wird ungenießbar. Deshalb kommen Sie alle zu mir !“

Klaus Wilk

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